Metaphern
Das Tal der Suchenden
Sie begegneten sich am Ende der hügeligen Ausläufer des kalten
blauen Mondlandes. Dieses wurde ringsum eingeschlossen von hohen
Gebirgen und die einstmals saftigen und grünen Wälder waren unter
der Herrschaft des grimmigen Königs Frostgard zur Einöde verkommen.
Es war finster geworden und das Mondland war wüst und leer.
Frostgard hatte mit seinem Eiszauber die letzten Einhörner aus
seinem Königreich vertrieben und Tiere und Menschen gleichermaßen
mit dem Fluch der Lieblosigkeit bedacht. Viele von ihnen waren auch
taub geworden für den Klang eines herzlichen Wortes, weil ihnen
Tränen, böses Geschick und Schmerz die Sinne verhärtet hatten. Unter
einem eiskalten Himmel wandelten die Einsamen daher traurig und
bedrückt über Berge und Täler, immer auf der Suche nach einem treuen
Gefährten, dessen Herz noch nicht zu Stein gefroren war.
Der Wolf war schon lange auf der Wanderschaft, als er die Tigerin traf. Er trug ein grau-braunes flauschiges Fell, das ihn gegen die Kälte schützen sollte. Seine glühenden Augen verfolgten die feinen Eiskristalle, die von den Ästen rieselten. Danach schweifte sein müder Blick über das Tal, über windschiefe Bäume und verstreut herumliegende Felsblöcke.
Keine Liebe hatte ihn jemals halten können, weil sein Herz erkaltet war. Er blieb immer nur gerade so lange, bis ihn seine Sehnsucht nach der Liebe weiter trieb. Er konnte Zeit seines Lebens niemals richtig sesshaft werden.
Für einen kurzen Moment fletschte er der Tigerin seine elfenbeinfarbigen Zähne im fahlen Mondlicht entgegen. Ein Blick in die Augen und beide erkannten im anderen einen ebenbürtigen Jäger. Der Wolf hielt inne und streckte seinen Kopf witternd in den Wind. Er schlich mit eleganten, langsamen Schritten um die Tigerin herum, die ihn mit sehnsuchtsvollen - ja fast traurigen - Augen beobachtete. Sie war schön und stolz, ihr Fell war samtweich und mit geschmeidigen Bewegungen lief sie mit dem Wolf im Kreis.
Ihr Zusammentreffen war unausweichlich gewesen, weil beide über die Sternenhügel des Mondlandes auf dem Weg ins Tal der Suchenden waren und alle am Ende über diesen einen Weg kommen mussten. So verschieden sie auch waren, dennoch war gleich eine mystische Vertrautheit zwischen diesen beiden Wesen.
Der alte graue Wolf rannte flinken, federnden Schrittes das Nadelöhr hinunter und die Tigerin folgte ihm. Der Wolf war schon oft im Tal der Suchenden gewesen und doch war er immer wieder - von der ungestillten Sehnsucht nach dem Leben und der Liebe zerfressen und halb irrsinnig vor schmerzendem Herzen - zurück auf den Berg geeilt, um den Mond anzuheulen. Die Tigerin war erst ein Mal dort gewesen. Ihr Gefährte war nicht von der Jagd zurückgekehrt. Sie hatte ihre große wunderbare Liebe mit einem Tiger geteilt, der von der Flintenkugel eines Jägers des Königs Frostgard zu Beginn des frühen Jahres getötet worden war. Seitdem litt sie und merkte, welche große Rolle ihre Vergangenheit in ihren Gedanken und Gefühlen spielte. Sie war die Einzige, von welcher der Eiszauber noch nicht Besitz ergriffen hatte. Die Tigerin hatte sich beharrlich geweigert, wieder zu lieben, aus Angst vor neuen Herzensrissen. Keine Spinnenseide konnte diese Wunde jemals wieder schließen.
Und doch – sie sehnte sich: Nach Herzenswärme, nach einem Blick, nach Atem an ihrem Hals, nach einer schützenden Schulter...
„Folge mir ins Licht“, sprach der Wolf mit tiefer ruhiger Stimme...
von Rena Larf
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