Eine Geschichte der
Vergebung
Sie handelt von Wild Bill Cody. Das war nicht ein eigentlicher Name. Sein
wirklicher Name hatte sieben unaussprechliche polnische Silben, aber er hatte
einen lang herunterhängenden Lenkstangenbart, wie man ihn auf Bildern der alten
Westernhelden sah, sodass die amerikanischen Soldaten ihn Wild Bill nannten. Er
war einer der Insassen des Konzentrationslagers, aber offensichtlich war er noch
nicht lange dort gewesen: Seine Gestalt aufrecht, seine Augen hell, seine
Energie unermüdlich. Da er sowohl Englisch, Französisch, Deutsch und Russisch
als auch Polnisch fließend sprach, wurde er eine Art inoffizieller
Lagerübersetzer. Wir kamen zu ihm mit allen möglichen Problemen; der Papierkram
alleine hielt uns oft auf bei dem Versuch, Leute zu finden, deren Familien, ja
sogar ganze Heimatorte möglicherweise verschwunden waren. Aber obwohl Wild Bill
15 oder 16 Stunden täglich arbeitete, zeigten sich bei ihm keine Anzeichen von
Ermüdung. Während wir übrigen uns vor Müdigkeit hängen ließen, schien er an
Kraft zu gewinnen. „Wir haben Zeit für diesen Kameraden“, sagte er. „Er hat den
ganzen Tag auf uns gewartet“. Sein Mitgefühl für seine gefangenen Kameraden
strahlte aus seinem Gesicht, und zu diesem Glanz kam ich, wenn mich der Mut
verlassen wollte. Ich war darum sehr erstaunt, als ich die Papiere von Wild Bill
eines Tage vor mir liegen hatte, dass er seit 1939 im KZ gewesen war! Sechs
Jahre lang hatte er von derselben Hungerstoddiät gelebt und wie jeder andere in
derselben schlecht gelüfteten und von Krankheiten heimgesuchten Baracke
geschlafen, dennoch ohne die geringste körperliche oder geistige
Verschlechterung. Noch erstaunlicher war, dass jede Gruppe im Camp ihn als einen
Freund betrachtete. Er war derjenige, dem Streitigkeiten vorgelegt wurden. Erst
nachdem ich wochenlang dort gewesen war, erkannte ich, welch eine Rarität dies
in einem Gelände war, wo die verschiedensten Nationalitäten von Gefangenen
einander fast so sehr hassten, wie sie die Deutschen hassten. Was die Deutschen
betraf, stiegen die Gefühle gegen sie in einigen der Lager, die etwas früher
befreit worden waren, so hoch, dass frühere Gefangene sich Gewehre geschnappt
hatten, in das nächste Dorf gerannt waren und einfach den ersten Deutschen, den
sie sahen, erschossen hatten. Wir hatten Anweisung, solche Zwischenfälle zu
verhindern, und wieder war Wild Bill unser größter Aktivposten, wenn er mit den
verschiedensten Gruppen vernünftig redete und ihnen riet, Vergebung zu üben. “Es
ist nicht leicht für sie, zu vergeben“, erklärte ich ihm eines Tages, als wir im
Zentrum für alle Abwicklungen mit unseren Teebechern beieinander saßen. „Viele
von Ihnen haben ihre Familienangehörigen verloren.“
Wild Bill lehnte sich in dem geraden Stuhl zurück und schlürfte sein Getränk.
„Wir lebten im jüdischen Sektor von Warschau“ fing er langsam an. Es waren die
ersten Worte, mit denen er mir gegenüber von sich selbst sprach. „Meine Frau,
unsere zwei Töchter und unsere drei kleinen Jungen. Als die Deutschen unsere
Straße erreichten, stellten sie alle an die Mauer und eröffneten mit
Maschinengewehren das Feuer. Ich bettelte, dass sie mir erlauben würden, mit
meiner Familie zu sterben, aber da ich Deutsch sprach, steckten sie mich in eine
Arbeitsgruppe.“ Er unterbrach seinen Bericht, vielleicht weil er wieder seine
Frau und seine fünf Kinder vor sich sah. „Ich musste mich dann entscheiden“,
fuhr er fort, „ob ich mich dem Hass den Soldaten gegenüber hingeben wollte, die
das getan hatten. Es war eine leichte Entscheidung, wirklich. Ich war
Rechtsanwalt. In meiner Praxis hatte ich zu oft gesehen, was der Hass im Sinn
und an den Körpern der Menschen auszurichten vermochte. Der Hass hatte gerade
sechs Personen getötet, die mir das meiste auf der Welt bedeuteten. Ich
entschied mich dafür, den Rest meines Lebens - ob nur wenige Tage oder viele
Jahre - jede Person, mit der ich zusammenkam, zu lieben.
Es ist typisch für das Ego, dass es Partei ergreift: Immer gibt es die „Guten“
und die „Bösen“. Wild Bill ergriff nie Partei. Es spielte für ihn keine Rolle,
ob die Menschen, denen er half, so genannte „Opfer“ oder „Täter“ waren. Sie
waren alle un-glücklich und baten bewusst oder unbewusst um Liebe, und die gab
er. Es wird aus der Geschichte deutlich, dass Wild Bill sich nicht zu einer
Kategorie zählte, und das erlaubte es ihm, unter den schwierigsten Umständen
seinen Frieden zu bewahren. Es erlaubte ihm auch, seine Energiequelle in sich
anzuzapfen, die ihm half, das Lager zu überleben, und zwar so, dass er viel mehr
Energie hatte als die wohlgenährten Ärzte, die den Lagerinsassen zu Hilfe kamen.
Alle Geschehnische sind neutral und wir selbst wählen unsere Reaktion darauf.
Die Welt als neutral anzusehen heißt nicht, dass wir es gutheißen, wenn andere
leiden und sterben müssen. Es erinnert uns aber daran, dass wir dennoch wählen
können, wie wir auf Situationen reagieren wollen, in denen wir uns befinden.
Wild Bill war ein außergewöhnlicher Mensch, der in einer außergewöhnlichen
Situation Vergebung als seinen Weg gewählt hatte. (George Ritchi)
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